Als ich versuchte, meinem Sohn die Kunst zu erklären

Gert Chesi

Am Sonntag, wenn das Wetter es zulässt, treffen sich die Kinder im Skulpturenpark. Zwischen den eisernen Giganten wird dann gespielt und manches Kunstwerk zur Diskussion gestellt. „Es ist vom Himmel gefallen, niemand weiß, was es darstellt.“ Das war die Feststellung eines Mädchens angesichts des Dreibeinigen Bügeleisens, einer Skulptur von Alois Schild.

Mein Sohn Armand – gerade zwölf Jahre alt – antwortete darauf, es sei eine Riesenschlange, die einen Elefanten gefressen hat. Das kam der Sache schon sehr nahe, wenngleich diese Erkenntnis nicht auf seinem Mist gewachsen war, er hatte sie Saint Exuperys Text „Der Kleine Prinz“ entlehnt, einem wunderbaren Büchlein, das ich ihm kurz zuvor geschenkt hatte. Darin vertraute der Fuchs dem kleinen Prinzen ein Geheimnis an: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ So saßen wir nun im Gras und versuchten, mit dem Herzen zu ergründen, was mit den Augen nicht zu sehen war.


Die Skulpturen, das fiel ihm auf, tragen merkwürdige Namen: Olympische Luftröhre, Vegetationslautsprecher oder Gartenbankherz. Namen, die mehr verwirren als erklären und den Beschauer zwingen, seine Vorstellungen mit den realen Objekten zu vergleichen. Unsinn! Die Namen sind beliebig, sie sind austauschbar und führen in die Irre.

„Warum“, will Armand wissen, „legt Alois bei seinen Kunstwerken so großen Wert auf die Namensgebung?“

Wer lange in Afrika gelebt hat, der weiß, dass man ein Ding, das keinen Namen hat, weder verstehen noch bekämpfen noch für sich vereinnahmen kann. Wenn hier in Afrika ein Patient mit einer unbekannten Krankheit zum Medizinmann kommt, dann wird ihm dieser erklären, dass die Krankheit so lange nicht heilbar ist, solange man sie nicht benannt hat. Ein Feind, der keinen Namen hat, ist nicht zu besiegen, deshalb wird das Unbekannte erst einmal mit einem Namen versehen, erst dann kann man es verstehen und mit ihm umgehen. Exuperys Fuchs erklärt das so: „Man kennt nur die Dinge, die man zähmt. Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen.“ Und: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ Sich etwas vertraut machen heißt auch ihm einen Namen geben, irgendeinen Namen. Armand schaut mich ungläubig an und meint: „Dann haben die Namen der eisernen Monster im Skulpturenpark also gar keinen Sinn?“

Oh doch! Alois hat sie benannt, um mit ihnen umgehen zu können. Er hat ihnen irgendwelche Namen gegeben, um ihrer habhaft zu werden, um sie zu zähmen.

„Hat das mit Magie zu tun?“

Ich glaube schon. Wer an die Beseeltheit der Natur und der Dinge glaubt, der ist dem Denken der Kinder nahe. Die Erwachsenen haben das verlernt. Ihre Wahrheiten kommen aus der Wissenschaft. Nur was man messen, wiegen oder reproduzieren kann, wird ernst genommen. Alles andere, ob es Träume oder Fantasien sind, Glücksgefühle oder tiefe Traurigkeit, gehört ins Reich der Illusionen. Auch die Kunst gehört dorthin, für viele Erwachsene existiert sie gar nicht.


„Warum geben dann Sammler wie du so viel Geld dafür aus?“

Um ihr einen Wert zu geben, den auch die anderen verstehen. Nun haben die Millionäre entgegen aller Sparvernunft begonnen, Kunst zu sammeln. Es waren die Ergebnisse der Auktionshäuser, die sie ermutigt haben. Sie beginnen, die Kunst zu verstehen, weil man ihren Wert beziffert hat. Es ist die Ziffer, die im Katalog unter dem Bild steht, es ist die Summe, die dem Bild den Wert verleiht.


„Dann sind alle Dinge, die keinen Preis haben, wertlos?“

Ja, so ist es. Für die Erwachsenen zählen nur Zahlen und Maße, und sie glauben das, was sie mit den Augen sehen. Kinder sehen mehr, weil sie mit dem Herzen schauen und hinter die Formen und Farben blicken können.


„Irrt sich Alois, wenn er seinen Figuren Namen gibt?“

Nicht immer. Die Verrückte Äskulap oder die Gefiederte Schlange hat er trefflich interpretiert. Den Rosenkavalier wird er wohl eines Tages umbenennen.


„Warum macht er solche Fehler?“

Weil er den Dingen zu nahe steht. Man braucht immer einen gehörigen Abstand, um das Wesen eines Kunstwerkes zu erfassen. Deshalb gibt es ja Kritiker, die so viel Abstand zur Kunst haben, dass sie den Künstlern ihre Werke erklären können. Die Künstler hören aber nur ungern auf sie, und das hat seinen Grund. Die meisten Kritiker haben die Kunst studiert und sie eingeteilt. Sie haben sie wie eine Salami in kleine Scheiben geschnitten und zu jeder einen Text auswendig gelernt. Diese Texte mischen sie dann durcheinander, und so entstehen immer neue Kritiken, die mit den immer gleichen Phrasen ganz unterschiedliche Kunstwerke beschreiben.


„Wie kann man denn wissen, dass so ein Kritiker recht hat?“

Kritiker haben immer recht. Damit man ihre Kritik nicht anzweifeln kann, kleiden sie sie in Worte, die nur wenige verstehen. Es ist eine Art Geheimsprache, die sie benützen. Jene, die ihre Kritiken lesen, trauen sich dann nicht zuzugeben, dass sie sie nicht verstanden haben. So behalten die Kritiker immer recht.


„Muss ein Kritiker sehr viel wissen?“

Ja, das muss er. Und damit auch die anderen wissen, dass er sehr viel weiß, zitiert er ununterbrochen sehr gescheite Leute, die dicke Bücher geschrieben haben. Auf diese Weise verschafft er sich Respekt. Kritiker glauben, etwas von der Strahlkraft der Zitierten abzubekommen, wenn sie sich dieser so oft wie möglich bedienen.

 

„Alois nennt dieses blaue Kreuz ein Sternenbanner. Da sind aber keine Sterne drauf.“

Künstler machen das, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Wenn über ein Kunstwerk gesprochen wird, setzt das Prozesse des Nachdenkens in Gang. Wenn alles so klar und verständlich wäre, würde man daran vorbeigehen, ohne es bemerkt zu haben. So aber wird man Fragen stellen und nach Antworten suchen. Man wird lange an das blaue Kreuz mit den gelben Punkten denken und zu verstehen versuchen, warum es Sternenbanner heißt. So hält die Verwirrung die Erinnerungen wach.

 

„Werden uns diese Kunstwerke überleben?“

Ja, das werden sie. Und weil die Sammler das wissen, heften sie kleine Messingschildchen daran, auf denen neben dem Namen des Künstlers der ihre steht. So leben sie in der Erinnerung der anderen weiter, auch wenn sie schon lange gestorben sind. Um aber sicherzugehen, dass das Kunstwerk nicht doch von den Nachkommen in den Mülleimer geworfen wird, werden sie immer wieder darauf hinweisen, dass es sehr teuer war. Sie werden ihren Nachkommen auch erzählen, dass Kunstwerke immer noch teurer werden, obwohl sie wissen, dass das nicht stimmt. Sie tun das alles, um zu verhindern, dass dem Kunstwerk etwas passiert und sie dadurch in Vergessenheit geraten.


„So hat die Kunst doch auch einen praktischen Zweck.“

Natürlich! Die Mächtigen und Eitlen aller Zeiten benutzten sie für ihre Zwecke und die Kirchen dieser Welt umgaben sich mit ihr. Sie nannten sich Mäzene und waren stolz darauf, die Kunst für sich in Anspruch genommen zu haben. Sie glauben bis heute, dass die Kunst erst durch sie ermöglicht wurde, dass sie ihre Erfinder und Verwalter sind und zu befinden haben, was Kunst ist und was nicht.


„Papa, ich möchte auch ein Künstler werden.“

Dazu brauchst du Talent, Geduld und Fleiß – und einen Vater, der dich sehr lange unterstützt.


„Hatte Alois so einen Vater?“

Er hatte ihn nicht. Dass er es trotzdem geschafft hat, lag an seinem Willen. Schon als junger Mann suchte er im Bach neben seinem Haus nach alten Metallteilen. Während des Kriegs hat man vieles dort hineingeworfen, Gewehre und ganze Fahrzeuge. Die Zeit und das Wasser haben sie verändert. Rost und die Gewalt des Bachs haben sie so entstellt, dass von der ursprünglichen Form nichts mehr übrig geblieben ist. So konnte es geschehen, dass alte Motorradsitze wie skelettierte Tierschädel aussahen und rostige Motorengehäuse wie Gesichter. Alois hat sie aus dem Wasser gezogen und an die Wand genagelt. Nun waren sie kein Schrott mehr, sie waren Kunstwerke. Wenn du aber glaubst, das kann jeder, dann irrst du dich. Diese Eisenteile haben Hunderte vor ihm gesehen, aber keiner hat erkannt, dass sich in ihnen die Kraft eines Kunstwerks verbirgt. Das entdeckt zu haben, unterscheidet ihn von allen anderen, die nur mit den Augen, aber nicht mit dem Herzen zu sehen gelernt haben.

Das hat alles begonnen, als er noch sehr jung und unbekümmert war und fühlen konnte wie ein Kind. Wer einmal so zu fühlen gelernt hat, wird es nie mehr ganz vergessen. Nun ist er erwachsen geworden und hat die Welt der Zahlen und Gewichte kennen gelernt. Er hat es gelernt, das Eisen zu beherrschen, es sich unterzuordnen. Nun bestimmt nicht mehr das gefundene Objekt das Wesen des Kunstwerks. Er zwingt dem Material die Form und den Inhalt auf. Er spielt mit dem Feuer wie der Dompteur mit einem wilden Tier. Er hat es sich gefügig gemacht und trägt die Verantwortung dafür.


„Du hast erzählt, dass in Afrika die Bäume und Steine eine Seele haben. Ist das in Europa auch so?“

Das weiß niemand so genau, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Steine und das Holz eine Seele bekommen, wenn ein Künstler sie bearbeitet. Ein Philosoph hat einmal gesagt, dass man die Kunst spüren kann. Sie ist immer dann zugegen, wenn Ergriffenheit die Menschen in ihren Bann zieht. Ein roher Stein wird nur selten Gefühle wecken. Wenn ein Künstler ihn formt, kann er eine Botschaft transportieren. Er ist wie ein Vehikel, auf dem die Ideen und Absichten des Bildhauers zu den Menschen gelangen. Diese Ideen müssen nicht immer in klaren Bildern daherkommen. Oft sind sie verschlüsselt und ihr Wesen ist uns fremd. Die schönsten Botschaften unter ihnen sind aber die stillen, die man nur hört, wenn man das Ohr ans Kunstwerk legt.

Armand steht auf und legt sein Ohr ans Dreibeinige Bügeleisen.


„Ich höre das Meer!“

Siehst du, vielleicht ist der Titel irreführend, es muss auch nicht alles vollkommen sein, manchmal genügt es schon, das Vollkommene gewollt zu haben.

Ein leichter Regen setzt ein und die Skulpturen verändern ihre Farbe. Sie wirken nun dunkler, fast bedrohlich. „Komm, wir gehen.“ Und Armand meint: „Nun sehen sie aus, als hätten sie sich geärgert.“

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