Neo Nomadic Pavillon

Hannah Stegmayer

Modulbau Nomadenzelt

Alois Schild (geb. 1960, Stahlbildhauer aus Österreich) hat im Garten des Palazzo Loredan einen eigenwilligen Pavillon geschaffen.

Im Rahmen der 56. Biennale von Venedig, deren Kernstück die Länderpavillons darstellen, galt es, für die internationale Künstlerkooperative Nine Dragon Heads eine angemessene Präsentationsform zu finden. Das konnte kein festes Gebäude sein. Kontinuierliche Fluktuation, räumliche Veränderung, kultureller Austausch, künstlerische Vielfalt und geistige Beweglichkeit sollten sich in einer Form ausdrücken. An die Stelle einer unverrückbaren Architektur ist eine große Eisenskulptur getreten, deren Struktur so offen und so unkompliziert wie möglich ist. Sie musste den Ort eindringlich markieren, ein festes Dach bieten, vielen Funktionen dienen und schon von Anfang an den nächsten Gebrauch an einem anderen Ort ankündigen.

 

Im Grunde hat man es mit einem Nomadenzelt zu tun, dessen Material Stahl aus dem Arbeitsbereich des Künstlers Alois Schild stammt.

Eine Unterkonstruktion aus einfachen Rohren in Steckverbindungen lässt sich mit wenigen Handgriffen aufbauen. Das System ist ausgeklügelt und immer wieder auf- und abbaubar. Dünne Stahlbleche werden zum Transport gefaltet und dann wie zerknittertes Papier entfaltet. Durch seine Falten wirkt das feste Material leicht und provisorisch.

Das Dach bildet also kein starres Schutzschild, das mit aufwändigen technischen Hilfsmitteln gebaut wurde, sondern ein ausgeklügeltes Konstrukt, das die Funktion eines Gebäudes vorübergehend erfüllt. Seine fragmenthafte Bauweise, seine Verwendung einfacher Materialien und sein beinahe provisorischer Charakter erinnern an Wellblechhütten und Behelfsunterkünfte.

 

Aufbau und Installation sind durch die Mitglieder des Künstlerkollektivs ohne Zuhilfenahme größerer technischer Hilfsmittel quasi in Handarbeit geschehen. Auf Hebebühnen, Schweißgeräte oder elektrische Werkzeuge wurde bewusst verzichtet. Lediglich Leitern, Drähte, Hammer und Beißzangen kamen zum Einsatz.

Auf diese Weise kann die Konstruktion in jeweils veränderter Form an jedem beliebigen Ort wieder aufgebaut werden. Diese Architektur ist also wiederverwendbar und damit nachhaltig. Das spielerisch Provisorische eines Modulbaus, wie er hier entwickelt wurde, entspricht einer spirituellen Haltung, die auf Offenheit setzt. Es verweigert sich festgefahrenen Schemata nationaler Repräsentationsbauten.

 

Kunst und Natur

Alois Schild verbindet mit seinem Neo Nomadic Pavillon Kunst und Natur. Damit steht er

in der Tradition der „Environmental Art“ oder „Natur-Kunst“ der Siebzigerjahre und deren feinfühliger Setzungen von vergänglichen Objekten in die Natur. Sie stellt eine europäische Form der Land Art dar. Wesentlich ist auch bei Alois Schild der Einfluss der Natur auf die Kunstwerke. Witterung und Wachstum der verwendeten Materialien (Stahl und Baumkronen) verändern das Kunstwerk mit dem Jahreszeitenwechsel. So entstehen Dynamik und Prozesshaftigkeit. Die Verbindung von Stahl und Vegetation in Form von Bäumen sprechen von der Natur des Menschen und seiner Einbindung in natürliche Abläufe. Perfektion ist nicht die angemessene Antwort auf wesentliche Fragen der Menschheit. Versuchsanordnungen, veränderbare Reaktionen und gewagte Experimente, wie Schild sie in seinen Arbeiten exerziert, treffen eher die Bedürfnisse nach Verzauberung, Kommunikation und kleinen Wundern, die aus diesen Assoziationen entstehen. Mag das Stahldach auch als Behausung dienen, so bleibt es doch eine Skulptur.

 

Das Gebilde ist lebendig und verändert sich im Laufe der Zeit. Der anfangs neue Stahl wird allmählich rosten und vom Fremdkörper zum festen Bestand des Ortes. Die Skulptur ist, wie viele seiner Arbeiten zugleich zweckfrei und funktional, kann als starkes Wahrzeichen der Künstlerkooperative Nine Dragon Heads ebenso fungieren, wie als provisorisches Dach oder Schutzraum der gerade erst angekommenen Kunstnomaden, die sich hier für einige Wochen niederlassen.

Monumentalskulptur für den Gebrauch

Auffallend ist die Bewegung im Luftraum, in einer Region gewissermaßen, die einen Raum weit über dem Boden öffnet, der unendlich und unfassbar ist. Beinahe verliert das Gebilde den Boden unter den Füßen und wird zum Flugobjekt. Bedenkt man das Gewicht des Materials, scheint dieser Höhenflug absurd, und doch gelingt eine Leichtigkeit und Beiläufigkeit, die erstaunt und fesselt.

 

 

Immer wieder wagt sich der Künstler Schild hoch hinaus und schafft großdimensionierte Objekte. Hier hat er von Bruno Gironcoli gelernt, bei welchem er in Wien an der Akademie der Bildenden Künste studierte. Auch dieser baute große Objekte von unbestimmter Zweckhaftigkeit, konzipierte Rauminstallationen nach zeichnerischen Vorlagen und veränderte durch seine Eingriffe nicht nur seine skulpturalen Gebilde fortwährend, sondern auch ganze Galerieräume.

 

Kennzeichnend für die Stahlobjekte Alois Schilds ist ihre Begehbarkeit und Benutzbarkeit. Sie dienen als Klangkörper für Musikperformances ebenso wie als Klettergerüst oder Sitzmöbel. Man darf seine Kunstwerke berühren und benutzen, sie sind nicht elitär und distanziert sondern demokratisch und kommunikativ und fordern zum Gespräch auf.

 

Alois Schild und Nine Dragon Heads:

Wanderer auf unbekanntem Terrain

Alois Schild ist seit 1999 an dem Projekt Nine Dragon Heads beteiligt. Wesentliche Merkmale dieses internationalen Netzwerks – Austausch von Kunstschaffenden aus aller Welt und Schaffung eines globalen Bewusstseins – stimmen mit seiner Arbeitsweise und Auffassung von Kunst und Gesellschaft überein, das auf Austausch, Bewegung und Entwicklung einer humanistischen Gesellschaft beruht. Als Wandernder zwischen den Genres und Netzwerker auf oft unbekanntem Terrain, stellt Schild Kunst in den öffentlichen Raum, stößt die dazu nötigen Diskurse an und macht auf Kunst aufmerksam. Er begreift sie als festen Bestandteil der Welt, nicht nur der Kunstwelt. Welt wird gestaltet und verändert, und Kunst ist der Motor für diese Prozesse.

Sein Gesamtwerk basiert auf dieser Öffnung für das Fremde und Andersartige. Sie ist der Anlass für eine ständige Suche nach neuen Möglichkeiten.

Die Verbindung heterogener Kunstformen und Traditionen ist einzigartig für dieses lose und offen strukturierte Kunstkollektiv. Vorgefasste Meinungen oder Vorurteile werden in Bewegung gebracht und verrückt. Alois Schild ist Teil dieses Verfahrens und integriert sich mit groß dimensionierten Plastiken, Performances und Aktionen in diese Form der temporären Künstlergruppe.

 

Ein wesentliches Motiv dieser Kooperation ist die Reise. Sie ist ein alter Topos in der Kunst und erfordert folgende Aspekte, um erfolgreich in die Kunst einzufließen: Bewegung und Veränderung, Sammeln und Archivieren, Erforschen und Dokumentieren, Interpretieren und Zeigen. Jede Reise besteht aus Abfahrt, Unterwegssein und Ankunft. Die Formation Nine Dragon Heads bereiste in großen Konvois beinahe sämtliche Kontinente und Länder ihrer Künstlermitglieder. Teil des Gepäcks ist das immaterielle Ideengut der Gruppe, das dann auf eine bestehende Situation trifft. Für den Stahlbildhauer Schild ist die Reise ein fortwährender Erfahrungsgewinn, der sich unmittelbar auf seine Arbeiten auswirkt.

 

Die Form, sich auf das Unerwartete einzulassen beinhaltet Risikobereitschaft, Sensibilität und die Anerkennung fremder subjektiver Erfahrungen und überlieferter Verhaltensweisen, die nicht in Konkurrenz zur eigenen Kulturerfahrung treten sondern diese ergänzen und vervollständigen. Dass Alois Schilds Arbeit sich in einem permanenten Wandel befindet und ihre Experimentierfreudigkeit nach vielen Jahrzehnten noch behalten hat, liegt an dieser Strategie der Offenheit und Bereitschaft, sich auszutauschen und das Gespräch zu suchen, das nicht verbal gelingen muss sondern formal und empathisch.

 

Mit der Gestaltung des Neo Nomadic Pavillon schafft Alois Schild nicht nur eine Behausung für die Künstlergruppe. Er integriert zudem alle Protagonisten und nimmt sich gleichzeitig zurück. Auf den ersten Blick nämlich ist die Konstruktion nicht als Einzelwerk erkennbar sondern hat eine dienende Funktion innerhalb des Gesamten.

 

Hannah Stegmayer

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