Unerschöpfliches Eisen für Lebensdetails

Ursula Philadelphy 2011

Schon in jungen Jahren entwickelte Alois Schild eine virulente Liebe zum Eisen und entwickelte daraus fast magisch anmutende kleine Objekte, baute kleine Metallfiguren und gab ihnen so witzige Namen wie „Bürstenindianer“, „Flachlandmissionar“, „Blaubart (unheilbar krank)“, „Der Flugversuch der keuschen Sekretärin“ oder „Grüner Zungennarr“ und schickte manche seiner Fingerübungen von der Ache vor der Haustüre aus auf eine weite Reise (schließlich hatte er ja auch nicht selten irgend welche Teile aus eben dieser Ache gefischt, um sie künstlerisch neu zu definieren) – noch bevor er sich entschloss, auch selbst die Welt zu entdecken. Das Eisen als künstlerisches Material, dass er „ wegen seiner unerschöpflichen Gestaltungsmöglichkeiten, seiner Schönheit, seiner magischen Kraft“ so liebte, bei dem er aber auch die automatisch einsetzenden Veränderungsprozesse durch das Rosten schätzte, sollte „sein“ Material bleiben.


Wohl auch deshalb haben die Arbeiten Schilds in gewisser Weise fast alle einen mythischen Touch und ist ihre rostige Patina neben dem Formalen noch ein zusätzlicher interessanter Aspekt. Durch die Witterungsbeständigkeit korrespondieren sie aber auch sehr elegant das ganze Jahr über mit der sie umgebenden Natur, wodurch sie zu jeder Jahreszeit eine neue Wertigkeit erhalten und im Laufe der Jahre durch die natürliche Alterung immer wieder neue Geschichten zu erzählen haben.


Aus den ehemals kleinen Figuren entwickelten sich alsbald monströse Gebilde und die Geschichten, die sie zu erzählen wussten, wurden auch immer umfangreicher, immer bizarrer. Es waren aber nicht immer nur Geschichten, die der Phantasie des Betrachters zuweilen ganz exaltierte Denksportaufgaben lieferten, manchmal waren es auch sehr direkte Kommentare zum öffentlichen Leben in Tirol. Die wurden dem Künstler dann mitunter auch übel genommen. Was seine Gedankenkreise aber nur unwesentlich, und wenn, dann nur kurzfristig störte.

Als Störfaktor für die Phantasiewelten der Betrachter erwiesen – und erweisen (!) – sich allerdings die Titel der Skulpturen.
Alois Schild ist zweifellos Mitteleuropas Titelfreak Nummer 1 und seine ausufernden Titel korrespondieren so gut wie nie mit dem ersten Eindruck, den man von einer Skulptur hat; nicht selten erschließt einem der Titel auch nach Jahren nicht im Geringsten irgend welche Assoziationen zum Figuralen. „Klappsesselsonne“, „Schattenbild einer melancholischen Zeitmaschine“, „Beneidenswertes Sündenregister“, „Kernspaltungsbügelbrett“ , „Doppelhelix mit reizvollen Lastersymbolen“ oder „Crazy Äsculap“ verwirren eher, als dass sie dem Betrachter Erklärungen liefern würden. Es gibt aber auch einige Titel, die als Verständigungsbasis fungieren – wie etwa „Das Steckenpferd des Diktators“, ein Monument für 61 vom Nazi Regime ermordeten Kinder aus der „Idiotenanstalt Mariathal“, oder der „Pavillon der Freundschaft“, ein Denkmal, das der freundschaftlichen Beziehung zwischen Österreich und Japan gewidmet ist. Insgesamt sind die Titel aber durchaus ein spielerischer Teil des Gesamtwerkes, ein Teil, den man inzwischen zwingend erwartet, weil er Teil des Rätsels ist; und vielleicht sind die Titel nur dann nicht exaltiert, wenn die Thematik des Exponates zu essentielle Themen berührt, als dass ein spielerischer und leichter Moment (auch der Verwirrung) Berechtigung hätte.

Eine Arbeit von Alois Schild bedient immer mehrere Bedeutungsebenen: sie kann zwar haptisch faszinierend sein, formal zwischen bizarr und wunderschön schweben und doch überaus irritieren.
Alois Schild – der Schwierige?


Nach dem Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste bei Bruno Gironcoli war es natürlich kein Wunder, dass man in Alois Schild einen kritischen Geist mit hohem Potential zum Schwierigen sah, war doch auch sein Lehrer nicht gerade ein einfacher Mensch. Aber ein Schwieriger war er nie, eher ein Kritischer mit Hang zum Querdenken – und das kann dann in Tirol schon leicht als Schwierigkeit gesehen werden, vor allem dann, wenn auch öffentliche Meinungen und Usancen nicht davor gefeit sind, Kritik einstecken zu müssen.

Die ausufernden , riesenhaften Skulpturen Gironcolis finden sich lange Jahre, was die formalen Überfrachtungen betrifft, in jenen von Schild ; auch Jean Tinguely zählt zu jenen Künstlern, die als Vorbild durchgehen, ebenso wie man geneigt ist die Weltmaschine von Franz Gsellmann hier anzugliedern. Aber auch Wolf Vostell, der in Malpartida de Cáceres in Spanien unter anderem eine Skulptur aus Flugzeugteilen und Autos entwickelte, fällt in diese Kategorie. Es sind aber zumeist die Äußerlichkeiten, die zu solchen Verknüpfungen führen, ein wenig allerdings auch der Aspekt des Fluxus.

Die Arbeiten von Alois Schild bergen nämlich durchaus einen kleinen, feinen Hauch von Fluxus in sich, sie gehen manchmal sogar in Richtung Happening und richten sich eindeutig und sehr direkt gegen die elitäre Hochkunst und gegen die modischen und beliebigen künstlerischen Ausdrucksweisen.


Die Skulpturen sind quergedachte Ideen, die ein bisschen wie aus der üblichen Welt gefallen wirken. Sie scheinen aus einem anderen, fremden Kosmos zu kommen und wirken wie Fetische einer entfernten Galaxie. Solcherart kann man sich als Betrachter natürlich auch mit den Titeln anfreunden.


Neben all den ausufernden Ideen entstehen aber auch zahlreiche Exponate, die formal extrem reduziert sind – und doch ist auch ihnen ein bizarrer Charakter inhärent. Ein wunderschönes Beispiel ist „Die Badewanne der schönen Sinderella“ aus dem Jahr 2001. Formal ganz einfach, von bestechender Reduktion. Aber die in die Außenhaut eingeschnittenen Formen, die Schraffuren und die geschwungenen Füße geben dem Exponat einen in gewisser Weise orientalisch-üppigen Touch – und in Kombination mit dem Titel ist die ganze Reduktion sowieso schon wieder Schimäre.


Man erinnert sich an die Blüte, die in den frühen Jahren entstand und einmal als gelungener Kontrapunkt vor der Hofburg zu Innsbruck stand, oder an all die anderen Skulpturen aus der Reihe „Panoptikum“ – und findet schlussendlich auch den Gedankenweg zu den bunten Arbeiten, deren Außenhaut sich der Natur widersetzt.

Die Farbe ist aber auch „ manchmal eine Notwendigkeit um gegen die Tristesse der Umgebung zu wirken“, meint der Künstler. Der „Inntalengel“ – 2100 kg endlose Stahlbänder, die durchgehend verschweißt wurden, dann feuerverzinkt, grundiert und schlussendlich ihren cadmiumgelben Anstrich erhielten – ist so ein Exponat, das an der Inntalautobahn als Mahnmal fungiert und unübersehbar durchs Tal leuchtet.


Ursula Philadelphy 2011

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