Elsa Delage

Alois Schild, 1960 in Tirol geboren, lebt heute noch in einem von Bergen umgebenen Tal. Jeden Tag steht er der Monumentalität seiner Umwelt und der Kraft der Elemente gegenüber, die ein ganz besonderes Verständnis der Welt vermitteln. Diese spezielle Beziehung zur Natur spielt eine wesentliche Rolle bei seinem kreativen Schaffensprozess.

 

Von 1986 bis 1990 studierte Schild an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Bruno Gironcoli (1936-2010) zum Lehrer zu haben, hat notwendigerweise die Art beeinflusst, wie er Formen wahrnimmt und begreift. Er stimmt der Tatsache zu, dass „jede Form eine Bedeutung hat“, wie Gironcoli zu sagen pflegte. Die beiden Künstler haben ein Vokabular hybrider Assemblagen aus organischen und technoiden Formen gemeinsam.
Schild begann mit der Herstellung von Objektmaschinen, die den menschlichen Körper miteinbeziehen bevor er schrittweise Skulpturen in größerem Maßstab anfertigte. Bei der Herstellung einiger sehr monumentaler Werke sind sich die Skulpturen immer sehr ihrer Umgebung bewusst und sind oft ortsspezifisch. In der Art eines Freigeists, sind seine Projekte abwechselnd öffentliche und private Aufträgen, wie etwa die Auftragsarbeit für BrainLab.

 

Schild arbeitet hauptsächlich mit Stahl, weil laut ihm dieses Material ihm „unendliche Möglichkeiten“ bei der Formgebung ermöglicht. Als Bildhauer, baut er indem er verschiedene Teile zusammenfügt und anschließend die Fugen verschweißt. In seinen Skulpturen werden die Schweißdetails teilweise als Verzierungen verwendet, ähnlich und so raffiniert wie Näharbeiten. Wenn auch die Arbeit mit Stahl den Körper berührt und einen intensiven physischen Einsatz erfordert, ist dieses Material, obwohl schwer und widerstandsfähig, ziemlich geschmeidig. Das Material mit so viel Kraft wie es verlangt zu konfrontieren, gibt Schild eine gewisse Macht. In diesem sehr speziellen kreativen Prozess mit Metall und Feuer steckt etwas, das dem Schamanismus ähnelt. Tatsächlich pflegen Schilds Skulpturen eine spezifische Beziehung zu ihrer Umwelt und, auf einer breiteren Ebene, zum Kosmos. Er verbindet Abstraktes und Figuratives, Monumentales und Vergängliches, um seine persönliche Vision auszudrücken und die innere Energie des Materials zu offenbaren.

 

1993 errichtete Schild in seinem Heimatdorf Kramsach einen Skulpturenpark an der Brandenberger Ache. Heute bevölkern 15 Stahlskulpturen das Außengelände. Dem Wetter und dem Lauf der Zeit ausgesetzt, rosten die Skulpturen und ihr Aussehen ändert sich natürlich, sofern sie nicht verzinkt sind. Das Material besitzt sein eigenes Leben und Schild respektiert es. Er interessiert sich für die Übergangszustände und die langfristige Entwicklung und nutzt die natürlichen Reaktionen des Metalls als Teil eines dynamischen Prozesses. Im Laufe der Jahreszeiten, wenn sie draußen stehen, verlieren Schilds Skulpturen ihren ursprünglichen Glanz und werden rostig. Die umgebende Natur, einschließlich Schnee und Vegetation, interagieren auch mit den Arbeiten, als wären sie lebende Objekte.

 

Schild arbeitet sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene und gründete einen Verein für zeitgenössische Kunst und eine Galerie zur Förderung junger internationaler KünstlerInnen in Kramsach. Seit 1999 ist er auch Teil der Künstlerkooperative „Nine Dragon Heads“, mit dem er jeweils 2015 und 2017 an den Biennalen von Venedig und Istanbul teilnahm. Seine Teilnahme an solch renommierten Veranstaltungen in der zeitgenössischen Kunstwelt ist der Höhepunkt von dreißig Jahren Kreation.

 

In den letzten Jahren hat Schild in engem Dialog mit der Architektur gearbeitet. Wir werden uns auf drei seiner jüngsten Projekte konzentrieren, die in diesem Zusammenhang besonders markant sind.

 

Im Jahr 2001 begann Schild eine Zusammenarbeit mit BrainLab, einem Medizintechnikunternehmen mit Sitz in München, das Hardware und Software auf dem Gebiet der Strahlentherapie und Neurochirurgie entwickelt. Der 2017 fertiggestellte Auftrag besteht aus fünf Skulpturen, die innerhalb und außerhalb des Firmengebäudes aufgestellt sind. Das Projekt wurde in perfekter Symbiose mit der Bauwerk erstellt. In der Tat hat Schild das ganze Gebäude besetzt. Im Erdgeschoss des vierstöckigen Atriums befindet sich eine große und luftige Skulptur. Die längliche Form führt zu einer ovalen Form auf der Oberseite. Die Struktur der Skulptur besteht aus einem winzigen Raster, das von kleinen Formen durchbrochen wird, die typisch für Schilds Vokabular sind. Die Form der Skulptur selbst evoziert ein riesiges Gehirn, was in Bezug auf die Mission von BrainLab sehr logisch erscheint, aber es entspricht auch Schilds etablierter Arbeitsweise. Das Leben und die Menschen stehen im Mittelpunkt seiner Kreationen. Auch wenn es schwer ist, klar zu erkennen, wofür Schilds Werke stehen, evozieren oder vergegenwärtigen sie immer wieder etwas/das Selbe. Die Figuration entgleitet zugunsten der Erforschung grundlegender Strukturen des Universums in einer Atmosphäre der Abstraktion. Seine Arbeiten erforschen die dynamischen Energien der Natur, die sich im Phänomen des Wachstums ausdrücken. Schild hat seine eigene mythologische und spirituelle Kosmologie, in der verschiedene Elemente miteinander in Beziehung treten. Die Titel seiner Werke folgen ebenfalls dieser poetischen Richtung. Als Formen sind sie reine Prosa, assoziieren Ideen als Collagen und beziehen sich oft auf ein exotisches Anderswo. Sie bezeichnen Kreaturen, Werkzeuge oder unpassende Situationen, die alle Teil der gesamten komplexen Struktur oder des Makrokosmos sind. Die Skulptur befindet sich im Atrium, dem Herzen des BrainLab-Gebäudes. Sie ist von allen Etagen und Durchgängen aus sichtbar und bestätigt das Gehirn als Kern. Die Gitterstruktur spielt mit einer Transparenz, die subtil einen Dialog zwischen Innen und Außen ankündigt.

 

 

Eine weitere von BrainLab in Auftrag gegebene Skulptur, Boundless Mindset, ist in einem geschlossenen, hohen Besprechungsraum präsentiert. Es scheint, als ob dieser Stahlring über dem Besprechungstisch schwebt - ein Gefühl von Leichtigkeit wohnt ihm inne. Ortsspezifisch passt die Skulptur perfekt in den Raum, so dass jeder Sitz durch diesen überhängenden Heiligenschein mit dem anderen verbunden ist. Folglich sind alle Menschen, die sich um diesen Tisch versammelt haben, miteinander verbunden. Die Form der Skulptur selbst erinnert an einen physiologischen Kanal, der die Zirkulation des Lebensflusses im Körper ermöglicht. Die Schweißverbindungen wären in diesem Fall die Rippen. Schilds Formen werden oft als organisch bezeichnet, weil sie sich auf lebende Materie beziehen oder daraus abgeleitet sind. Die Formen sind ohne Zweifel biomorph, da sie sich auf die abstrakte Bilderwelt der lebenden Formen wie dem menschlichen Körper beziehen. Die Fluidität der von der Natur inspirierten Formen kontrastiert mit der Starrheit des Materials. Auch wenn sie unregelmäßig sind, sind die Konturen der Form geschmeidig. In dieser Hinsicht können Schilds Formen auf verschiedene Lebensformen und Vektoren physischer wie psychologischer Assoziationen anspielen. In seiner Arbeit geht es um das Leben selbst, wie es entsteht und sich entwickelt, aber auch wie verschiedene Lebensformen sich verbinden und Bindungen schaffen. Die Formen, die er erzeugt, scheinen ihrem eigenen Entwicklungverlauf zu folgen.

 

 

Das Organische bezieht sich auch auf etwas, das ein integrales Element eines Ganzen bildet. Im 19. Jahrhundert entwickelte der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge (1772-1834) unter dem Einfluss der romantischen Literatur seinen Begriff der organischen Formen aus einer Analyse von Shakespeares Stücken. Für Coleridge ist die Form mechanisch, wenn wir auf ein beliebiges Material ein vorgegebenes Design prägen. Die organische Form dagegen ist angeboren, sie gestaltet sich, wie sie sich von innen heraus entwickelt, und die Fülle ihrer Entwicklung ist ein und dasselbe mit der Vervollkommnung ihrer äußeren Form. Er definierte organische Form anhand von fünf Eigenschaften: 1. Das Ganze ist primär. Die Teile sind abgeleitet. Prinzip des Samens. 2. Wachstum. Eine organische Form vermittelt dem Betrachter den Prozess seiner eigenen Entwicklung. Genetisches Interesse: Prozess oder Werden ebenso wie Sein. 3. Assimilation. Wenn der Organismus wächst, assimiliert er verschiedene Elemente in seine eigene Substanz. 4. Internalität. Die erreichte Form ist von innen gelenkt. Die Pflanze setzt ihr eigenes heimliches Wachstum um. 5. Interdependenz. Die Teile sind voneinander abhängig.

 

 

Die hellgraue Skulptur, Crazy Äskulap, die sich in einem der Außenhöfe des BrainLab-Gebäudes befindet, entspricht völlig dieser Definition einer organischen Form. In drei Einheiten dargestellt, sieht es so aus, als wäre eine lange Kreatur im Boden untergetaucht. Teilweise versunken, lässt es nur ein paar Teile seines Körpers an der Oberfläche sichtbar erscheinen, einschließlich dessen, was sein Schwanz sein könnte. Egal was diese Kreatur eigentlich ist, sie sieht lebendig und in Bewegung aus. Hier erzeugt Schild eine Erzählung, während sich der Betrachter andere Teile vorstellt, die im Untergrund verborgen wären. Ein solches Vokabular wird oft von Schild verwendet, um Fantasiewelten zu evozieren. Er beabsichtigt, bizarre Formen zu kreieren, um Seltsamkeit in Frage zu stellen und was es bedeutet fremdartig bzw. ein Fremder zu sein.

 

 

Schließlich schuf Schild zwei weitere Skulpturen für einen weiteren Außenhof des Gebäudes. Wie beim anderen, so nüchtern wie ein Zen-Garten, besteht die Umgebung einfach aus Schotter und Kies und etwas Vegetation. Die Rauheit des Stahls entspricht der Einfachheit der natürlichen Elemente und unterstreicht, wie gut die Skulpturen in der Umgebung passen. In diesem Kontext fangen sie den Geist der Arte Povera ein, einer einflussreichen Avantgarde-Bewegung, die in den 1960er Jahren in Europa auftauchte und deren bekannteste Eigenschaft die Verwendung alltäglicher Materialien war, die an ein vorindustrielles Zeitalter erinnern, wie Erde und Felsen , Kleidung, Papier und Seil. Ähnlich wie die Künstler der Arte Povera, die auf Modernismus und Technologie reagierten, spricht Schild unsern Sinn für das Verstreichen der Zeit an. Die Gesamtheit der Außeninstallation spielt mit ihrer Umgebung. Die runden Linien und kubistischen Aspekte des „Herrenlosen Wunschkristall“ und des „Unendlichen Steppenroller“ entsprechen der Regelmäßigkeit und Geradlinigkeit der Fenster des Gebäudes. Allgemeiner ausgedrückt, Schilds künstlerische Aussage im Rahmen des BrainLab-Auftrags besteht aus einer Vernetzung von disseminierten Werken, die im harmonischen Dialog mit der Architektur des Gebäudes stehen. Seine Arbeit ist eine Einladung zu einem „intro-organischen“ Trip, der das Innere mit dem Aüßeren verbindet.

 

 

Eine Vielzahl and Lebensformen nimmt in Schilds Arbeiten eine zentrale Stellung ein. Sie veranschaulichen seine spezifische Vision der Ordnung des Universums und demonstrieren seinen tiefen Humanismus.

 

 

Ständig darauf bedacht, neue Beziehungen zwischen den Menschen und der materiellen Welt zu finden, könnten wir extrapolieren und sagen, dass Schilds Arbeit die Verbindung zwischen den Individuen in der Gesellschaft, alle Produkte einer einzigartigen Umwelt, unterstreicht. Er glaubt an eine ganzheitliche Vision der Menschheit und versucht, Bindungen zu schaffen. In diesem Rahmen sind seine Skulpturen und Installationen einladende Räume, die für alle offen und zum Teilen gedacht sind. Menschen sind eingeladen, sie zu berühren und sie zu benutzen, wenn es angemessen ist. Schilds Kunst ist interaktiv, spielerisch und demokratisch - sie fördert die Konversation.

 

 

So ist es nicht verwunderlich, dass Schild seit 1999 mit „Nine Dragon Heads“ zusammenarbeitet, einer internationalen Künstlerkooperative, die weltweit Künstler vereint, die einen offenen, globalen Geist teilen. Davon überzeugt, dass die Zukunft der Menschheit die gegenseitige Beziehung zwischen Menschen sowie zwischen Menschen und der natürlichen Umwelt ist, strebt „Nine Dragon Heads“ danach, positive ökologische und spirituelle Vermächtnisse für die Zukunft zu generieren. Wesentliche Elemente dieses internationalen Netzwerks entsprechen Schilds Arbeitsweise und seiner Interpretation von Kunst und Gesellschaft, die auf Austausch, Bewegung und der Entwicklung einer humanistischen Gesellschaft basieren. Die Projekte von „Nine Dragon Heads“ zielen darauf ab, Kulturen miteinander zu verbinden und die Natur zu erhalten.

 

 

Wie bereits erwähnt, schafft Schild von der Natur, kopiert und interpretiert sie in seinen Werken, wobei die Darstellung nicht mimetisch ist. In mancher Hinsicht, werden seine Werke dennoch unter die Definition von Land Art subsumiert. Der von ihm geschaffene Skulpturenpark verbindet Kunst und Natur als eine erhabene Einheit, und viele seiner anderen Skulpturen befinden sich draußen in Parks oder Gärten.

 

 

Im Jahr 2015 lud „Nine Dragon Heads“ Schild zur Teilnahme an „Jump in the Unknown“ ein, einem Kollateralevent der 56. Internationalen Kunstausstellung La Biennale di Venezia mit Werken von 40 internationalen Künstlern, zum 20. Jahrestag des Internationalen Umwelt-Kunstsymposium. Bei dieser Gelegenheit baute er den Neo Nomadic Pavilion im Garten des Palazzo Loredan, eine temporäre, ortsspezifische Installation. Es besteht aus einem monumentalen Kuppelzelt, das als Patchwork aus dünnen Stahlblechen zusammengesetzt ist. Die Wände behielten einige Öffnungen, um sowohl den Zugang von Menschen zu ermöglichen und damit Baumstämme und Äste der Bäumen aus der Installation herausragen konnten. Außen angesiedelt, beschäftigt sich Schild bewusst mit dem natürlichen Kontext, vor allem mit dem Gras auf dem Boden und den Bäumen als Bewohner.

 

 

Zuvor hat Schild Arbeiten mit architektonischen Aspekten realisiert, wie beispielsweise der Pavillon der Freundschaft in 1997, der als verbindendes Symbol zwischen Österreich und Japan konzipiert wurde. Aufgrund ihrer leichten und einfachen räumlichen Qualitäten förderte die offene Struktur aus Stahlbänken Meditation und Ruhe. Das Teehaus für Orientalische Zwerge (2013) war eine experimentelle Vorversion des Teehaus der Orientierungslosen (2017).

 

 

In Venedig überschritt Schild die Grenze zwischen Kunst und Architektur. Zum ersten Mal in seiner Karriere schuf er einen Innenraum, in den der Besucher eingeladen wird. Die Skulptur kann für ihre äußeren Aspekte geschätzt werden, aber auch für ihre inneren Qualitäten, die dem Besucher einen ganz anderen Eindruck bieten. Diese Installation repräsentiert den Beginn einer neuen Art von Raum am Rande von Kunst und Realität. Diese Grenze ist der Motor einer immersiven künstlerischen Darstellung, durch die der Besucher eine veränderte Raumwahrnehmung erfährt. Die Rezeption der Arbeit erzeugt eine Räumlichkeit, die auf der Erfahrung des Besuchers basiert. Diese Räumlichkeit liegt an der Schnittstelle von bildender Kunst, Architektur und Leben. Die räumliche Konfiguration des Besuchers, der buchstäblich in das Werk eindringt, verschmilzt mit der Darstellung der Installation. Während der Besucher umherläuft und hineingeht, verwandelt sich der Pavillon progressiv und erzeugt ein neues Gefühl von Zeit und Raum sowie Bewegungseffekte.

 

 

Das erinnert ein wenig an Richard Serras Arbeit. Serra (geb. 1939) fertigte ortsspezifische großformatige Stahlkonstruktionen für architektonische, urbane und ländliche Kulissen. Bezug nehmend auf sein Werk NJ-2 (2016) sagte er: „Ich denke, der Rhythmus Ihres Körpers beschäftigt sich mit der Zeit in Bezug auf den Raum und wie Sie wissen, was gerade passiert, wo Sie gerade sind, was sich vor Ihnen und was hinter Ihnen befindet. Nehmen Sie NJ-2 in dieser neuen Show: Sie müssen einen Pfad umrunden, das Stück bezieht Sie in seinen Raum ein. Während sich das Stück ändert, müssen Sich sich ändern und entweder den Schritt beschleunigen oder sich auf eine Art und Weise drehen, die Sie nicht vorhergesehen hatten. Sie verlieren tatsächlich den Orientierungssinn und wissen nicht, ob Sie nach Norden oder Süden gehen. Die Zeit fließt in die Gleichung Ihres Körperrhythmus ein, während Sie durch die Arbeit schreitem. Es ändert die Zeit Ihrer Erfahrung.1

Da Schild Transformation und Übergang als einen Prozess ansieht, beschäftigt er sich mit dem Begriff der Zeit, der Verbindung von Raum und Materie. Die Idee des Kollektivs für „Jump Into The Unknown“war, einen Ort zu schaffen, der ständige Fluktuation, räumliche Verschiebung, kulturellen Austausch, künstlerische Vielfalt und spirituelle Bewegung ausdrückt.

 

Anstelle einer statischen Architektur entschied sich Schild dafür, eine große Struktur zu schaffen, die als mobile bausteinförmige Konstruktion konzipiert wurde. So einfach wie Origami, kann es immer wieder zusammengebaut und zerlegt werden. Die Stahlbleche können einfach gefaltet, transportiert und auseinandergefaltet werden. Das kurzlebige Format der Installation spiegelt sich bereits im Titel „Neo Nomadic Pavilion“ wider und steht im Einklang mit der Erforschung von Bewegung.

 

Wenn auch Schild sich der natürlichen Umgebung, in der er sich befindet, immer bewusst ist, reagiert er auch auf den soziopolitischen Kontext. In seiner Beziehung zu Institutionen mag Schild es, provokativ zu sein und Konventionen in Frage zu stellen. Hier, ist der temporäre Charakter seines Werkes selbst gewagt, als Antwort auf die traditionellen dauerhaften Pavillons der Biennale. Im Rahmen einer Veranstaltung wie einer Biennale folgt Schilds Arbeit der kritischen Analyse der Institutionskritik. Eine solche Neigung beschäftigt sich mit der Enthüllung und Entmystifizierung, wie das künstlerische Subjekt und das Kunstobjekt von Kunstinstitutionen inszeniert und verdinglicht werden, wobei die Struktur und Logik von Museen und Galerien in Frage gestellt wird. Gegensätzlich zu den üblichen nationalen Pavillons bewegt Schilds Version alle Nationen. Er unterstützt wieder Offenheit und lehnt standardisierte Darstellungen ab.

 

Die Form der Skulptur bezieht sich auf Behelfszelte. In diesem Zusammenhang evoziert der Nomadismus Obdachlosigkeit, welche sowohl Schutzbedürftige als auch Migranten betrifft. In einer zunehmend globalisierten Welt ist sich Schild der gesellschaftspolitischen Fragen unserer heutigen Welt bewusst. Seine Schöpfungen spiegeln das Leben und sein weltweites Interesse wider und berücksichtigen verschiedene Länder, Zivilisationen und Epochen. Kunst bietet eine notwendige spirituelle Erhebung in Bezug auf Lebenskrisen in diesen Kontexten.

 

Schilds Arbeiten beinhalten selten politische Aussagen, aber sie enthalten soziopolitische Referenzen. Er ist erpicht darauf, durch seine Kunst das Bewusstsein zu heben und den Geist zu öffnen. Streng genommen ist er nicht „politisch“ engagiert, sondern politisch engagiert im etymologischen Sinn der Politik. Von Polis kommend, was auf Griechisch „Stadt“ bedeutet, bezeichnet „Politik“ wortwörtlich „die Angelegenheiten der Städte“. In diesem Sinne nimmt Schild am Leben der Polis teil, betrachtet die gesamte Körperschaft der Bürger und drängt auf eine Idee des Gemeinwohls, der Demokratie und des Zusammenlebens. Auf pazifistische und subtile Weise will er immer, dass die Menschen die Gegenwart in Frage stellen und sich weigern, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

 

In der Tat erfordert Schilds Arbeit eine seriöse Meditation, insbesondere zwei seiner jüngsten immersiven Großinstallationen. Der Neo Nomadic Pavilion in Venedig und das Teehaus der Orientierungslosen wurden im Rahmen von „Taste of Tea" , einem kollaborativen Projekt von „Nine Dragon Heads“ für das International Environmental Art Symposium, das im Rahmenprogramm der 15. Internationalen Istanbul Biennale im September 2017 präsentiert wurde, produziert.

 

Der konzeptionelle Rahmen des Projekts folgt dem Arbeitsmuster der Nine Dragon Heads-Projekte, die darin bestehen, an Orten mit Übergangsmerkmalen zu arbeiten, die in wichtigen kulturellen, historischen und geopolitischen Fragen ökologisch, wirtschaftlich oder politisch in Frage gestellt sind. «Taste of Tea» untersucht die Fähigkeit der Kunst, Menschen, Natur, Gesellschaft und Kultur zu verbinden und durch Kunst neue ökologische und öffentliche Modelle zu konstruieren.

 

Während der Istanbul Biennale befand sich Schilds monumentale Installation draußen am Ende einer Plattform des Bahnhofs Orient Express Terminal-Haydarpasa. Ein Bahnhof ist ein öffentlicher Raum und ein wichtiger sozialer Knotenpunkt, Anfang und Ende einer Reise, ein Ort der Begegnung oder Trennung, der Geduld, und wo das Vergehen der Zeit anders empfunden werden kann.

 

Während der Geschmack einer von fünf traditionellen Sinnen ist, ist er auch ein Instrument, um einen persönlichen und kulturellen Überblick über die Wahl und Vorliebe zu definieren. Es schreibt dem Menschen die Fähigkeit zu, zu urteilen. Außerdem ist Tee der einfachste und gesündeste Anreiz für Menschen, sich zu sammeln, zu verlangsamen und sich auszutauschen. Es ist von zentraler Bedeutung für die Lebensweise in vielen Kulturen. Auf diese Weise ist Tee eines der besten Mittel, um die Intensität der fragmentierten zeitgenössischen Welt zu überleben. Die Geschichte des Teeanbaus und -exports verbindet Reisen durch Geografie und Zeit. So ist "Taste of Tea" ein kreativer Ansatz, der Kulturen verbindet, und eine Perspektive für Forschung und Kontemplation zu einer Zeit, in der die Einwohner Istanbuls einen schweren politischen und sozialen Umbruch erlebt haben s. Schilds Teehaus der Desorientierten ist eine begehbare Skulptur aus oxidierten Stahlplatten, perforiert und als rechteckiges Prisma geformt. Auch im Laufe der Zeit hat sich die Oberfläche des Metalls verändert. Das rostige Material und Perforationen, die an Einschusslöcher erinnern, geben der Installation einen rohen Aspekt. In Zeiten von Flüchtlingslagern und Notunterkünften erinnert diese behelfsmäßige Erscheinung den Besucher an ein Zelt oder eine Jurte. Die Stahlplatten sind gekräuselt und scheinen zu einer improvisierten Konstruktion zusammengefügt worden zu sein. Wenn der äußere Aspekt der Struktur streng und rau erscheint, mit durchgezogenen Linien und geraden Winkeln, vermittelt das Interieur eine völlig andere Atmosphäre. Was im neomadischen Pavillon in Venedig bereits ein Naturphänomen war, wird hier durch die zahlreichen Perforationen verstärkt. Wenn die Perforationen als Verzierung in der gleichen Weise wie die Schilderschweissen, die manchmal in anderen Skulpturen verwendet werden, verwendet werden, schaffen sie hier auch Muster, die durch die hindurchtretenden Lichtstrahlen sichtbar gemacht werden. Die Muster erinnern an die Ästhetik der orientalischen Mashrabiya. Ursprünglich sind Mashrabiyas dekorative Holzgitter aus traditioneller islamischer Architektur, die durch ihre Lochkonstruktion einen stetigen Luftstrom erzeugen. Das arabische Wort leitet sich von der Wurzel š.r.b ab, die allgemein "trinken" bedeutet und wörtlich "Ort des Trinkens" bedeutet. Der kühle, schattige und ruhige Raum erzeugt eine Atmosphäre der Meditation und Reflexion. Vom Eingang der Installation und den Öffnungen, die durch die Verbindungen der Stahlbleche entstehen, wird Licht in einer destillierten Schönheit geblendet und geblendet. Tausende von Lichtstrahlen durchqueren den Raum, auf dem Boden und den Wänden und auf den Körpern der Besucher, die sich in die Installation wagen. Das Licht wird als vollwertiges Material verwendet, daher ist der Raum warm, gefüllt und niemals leer. Schild hat einen Raum geschaffen, in dem Sie eine Präsenz spüren, fast eine Einheit - das physische Gefühl und die Kraft, die der Raum vermitteln kann. Dieser Raum lädt zur Meditation über irdische Wahrnehmung und kosmische Unfähigkeit ein. Das Durchschreiten der Installation bietet eine verschlingende Erfahrung, in der der Besucher akut auf Sehen, Berühren und Hören und auf ein subjektives Wesen in Zeit und Raum eingestellt ist. Das Bewusstsein selbst wird zum Objekt der Kontemplation. Mit Licht spielend, bekräftigt Schild seinen Glauben an die Kraft der natürlichen Elemente und verstärkt seine Beziehung zum Heiligen und eine Form der Spiritualität. Metaphorisch gesprochen, zeigt das Durchsichtige durch das physikalisch Opaque das metaphysisch Transzendente. Diese Erfahrung hat etwas Magisches, ähnlich einer einhüllenden Synkope von undurchdringlicher Dunkelheit und unerwartetem blendendem Licht. Das ist Kunst, die auf das Wesentliche reduziert ist und dennoch ihre unterhaltsame Qualität nicht scheut. Vielleicht gibt es auch eine quasi-rituelle Dimension, wenn die Installation als ein Objekt betrachtet wird, in dem der unsichere Lebensweg zur Kontemplation führt, wo spiritueller Fortschritt möglich ist. Seit Jahrhunderten bewunderten die Gläubigen die Buntglasfenster in den Gotteshäusern. Das sich verändernde Tageslicht strömt durch das Glas, verschiebt Farben und bringt Leben in die Formen der Fenster, während Farben und Licht in die Innenräume projiziert werden. Die Verbindung von Kunstglas mit religiöser Architektur ist zu einem Teil der kulturellen DNA der Menschheit geworden. Natürliches Licht wurde schon immer symbolisch mit Güte und Schönheit gleichgesetzt und spielt eine wichtige metaphorische Rolle. Im 12. Jahrhundert erfreute sich das Kirchenfenster wegen seiner exquisiten Beziehung zum Tageslicht einer wachsenden Beliebtheit in der religiösen Gemeinschaft. In seinen Memoiren setzte Abt Suger von St. Denis das göttliche Licht mit dem Licht in Glas und Edelsteinen gleich. Diese Philosophie des göttlichen Lichts begründete, dass Menschen Gott durch natürliches Licht geistig erfahren können. Ohne mit irgendwelchen Formen des Gottesdienstes verbunden zu sein, transportiert Schilds Installation uns von der Kontemplation zu einem spirituelleren Ort. Wie in Venedig ist die Installation mobil und auf das Wesentliche reduziert. Obwohl der Titel der Arbeit auf ein «Haus» bezogen ist, ähnelt die Konstruktion eher einer temporären, improvisierten Wohnung. Hier wird der Pavillon zu einem Zufluchtsort, der als sicherer Ort zum Ausdruck kommt und Hoffnung und Widerstandskraft ausdrückt. Einige Kulturen haben eine Vielzahl von verschiedenen Tee-zentrierten Einrichtungen verschiedener Typen, abhängig von der nationalen Teekultur, aber Teehäuser dienen oft als Zentren der sozialen Interaktion. Im Allgemeinen vermittelt die Teekultur die Idee, Menschen zu sammeln und mit ihnen zu teilen. Es ist auch ein Ausdruck von Gastfreundschaft. In diesem Rahmen mit dem Titel Tea House of the Desorientiert folgt die Arbeit der Aussage von «Taste of Tea», die Kommunikation und Austausch zwischen Individuen für ein besseres Verständnis der Welt erzeugen und wertschätzen will. Offen und einfach, die Installation bietet ein Dach und begrüßt jeden, ermutigt Meditation, Vertrauen und Dialog. Inspiriert von Nature, Schilds Schöpfungen sind verwandt mit der Welt, die ihn umgibt, seinem täglichen Leben und Menschen, denen er begegnet. In seiner Kunst geht es um das Leben selbst, seine Entstehung und Entwicklung, aber auch darum, wie vielfältige Lebensformen sich verbinden und Bindungen schaffen. Das spezifische Vokabular von Schild, das seltsame organische Elemente, biomorphe Formen, gerade Linien und Kurven, abstrakte und figürliche Motive durchdringt, bedient seine persönliche Mythologie. Immer achtsam, berücksichtigt Schild kontinuierlich die natürliche Umgebung sowie den allgemeinen Rahmen, in dem seine Arbeiten kontextualisiert sind. Die Bereiche der Psychologie, Soziologie, Anthropologie und Geographie sind zunehmend von der Rolle der physischen Umwelt betroffen. Die Sozialwissenschaften haben auf das Bedürfnis nach mehr Wissen über menschliches Verhalten in Bezug auf Architektur und Stadtplanung reagiert. Wir wissen jetzt, dass Gebäude und Städte menschliches Verhalten und soziale Stabilität ernsthaft beeinträchtigen können. Bei der Gestaltung und Konstruktion von Umgebungen, in denen Menschen leben und arbeiten, sind Architekten und Planer notwendigerweise an der Beeinflussung menschlichen Verhaltens beteiligt. Schilds Arbeiten sind ein Versuch, unser Zusammenleben zu verändern, und er legt besonderen Wert auf öffentliche und gemeinschaftliche Räume. In letzter Zeit hat sich Schilds Praxis mehr als üblich mit Architektur beschäftigt. Für seine letzten Projekte sind die monumentalen Skulpturen zu Installationen geworden, die eine neue Art von Räumlichkeit erzeugen. Oft sind sie ortsspezifisch und stimmen mit dem Ort überein, an dem sie sich befinden. In der Absicht, Menschen miteinander zu verbinden, laden sie sie ein, miteinander zu teilen und sich zu unterhalten. Wenn die vom Brainlab in Auftrag gegebenen Arbeiten aus einer Fantasiewelt hervorgehen, die von Schilds eigenem Weltverständnis geprägt ist, haben sich die Formen der Installationen, die er für die Biennalen von Venedig und Istanbul entworfen hat, zu etwas entwickelt, das im Wesentlichen in reinen Formen verwurzelt ist. Sie sind härter, weil sie direkt geopolitische Fragen widerspiegeln, aber die Werke selbst bieten Zeit und Raum, um auf pazifistische und humanistische Weise über diese Krisen nachzudenken. Sie sind immersiv und bieten den Besuchern eine sinnliche Erfahrung. Schild hat ein neues Element, natürliches Licht, als Material selbst eingeführt. Indem er damit spielt, bekräftigt er seinen Glauben an die Kraft der natürlichen Elemente und verstärkt seine Beziehung zur Meditation und zu einer Form von Spiritualität. Die temporäre Natur seiner letzten Installationen kontrastiert mit der Beständigkeit früherer Werke, die für die Ewigkeit gemacht wurden und das Vergehen der Zeit erfahren. Wenn seine Arbeiten sich immer mit Ideen von Transformation und Entwicklung auseinandergesetzt haben, bewegen sie sich nun auf Mobilitätsvorstellungen zu, was nicht ohne weiteres auf die aktuelle Migration von Menschen hinweist. In unserer globalisierten Welt betont Schild das Bedürfnis nach Interaktion, Offenheit und Teilen für alle Individuen. Sein hybrides und flüssiges Netzwerk von Arbeiten zeigt, wie vielfältig die Menschheit ist, aber auch wie voneinander abhängige Menschen sind. Wir sind alle an Gewicht und Schwerkraft gebunden. Betrachtet man alle Formen des Lebens als Teil einer gemeinsamen komplexen Struktur, ermutigt ihn seine Kunst, gegenüber Andersartigkeit gastfreundlich und umfassend zu sein. Als Künstler wählt er die Rolle eines Vermittlers und versucht, Menschen zu verbinden, um soziales Miteinander zu optimieren. Auf der Suche nach Harmonie beabsichtigen Schilds Projekte, das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt durch Kunst zu überdenken, und seine bisherige und fortwährende Zusammenarbeit mit Nine Dragon Heads folgt dieser Logik. Momentan arbeitet er an einem neuen Projekt mit dem International Environmental Art Symposium, das 2018 in Brasilien stattfinden wird.



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